Benutzer:Benni/Konspekt Goldstein 1988
Aus Laboratorium
Konspekt zu "Joshua S. Goldstein, Long Waves - Prosperity and War in the Modern Age" http://www.joshuagoldstein.com/jgcycle.htm von Benni Bärmann
Anmerkungen von mir sind absatzweise markiert.
Inhaltsverzeichnis |
theoretische Vorüberlegungen
Goldstein Katalogisiert zunächst alle bisherigen Forschungen zu langen Wellen (mit Ausnahme von esotherischen). Dabei gelingt ihm eine Sehr gute Übersicht, die den Eindruck von Vollständigkeit hinterlässt. Er verwendet eine Gliederung der Theorien in zwei historische Phasen, die - seiner Meinung nach nicht zufällig - mit den beiden letzten Downswings korrellieren. Zusätzlich macht er eine Gliederung in Schulen, die "World-Views" zugeordnet werden. Dann noch eineGliederung in Theorien zu Lange Wellen (ca. 50 Jahre) bzw. zu Hegemonie-Zyklen (100-150 Jahre). Daraus ergeben sich sechs Schulen für lange Wellen und drei für Hegemonie-Zyklen (die frühere Debatte war da nicht so klar verschult). Gemeinsamer Ausgangspunkt der lange Wellen-Schulen ist dabei Kondratieff, der zum ersten mal eine empirischen Nachweis der langen Wellen versucht hat. Die selbe Rolle spielt Wright für die War/hegemony-Debatte.
- konservativ
- unchanging system structur
- primacy of society
- national units
- preservation of existing order (cycles as repetition)
- -------------
- "Capital Investment School"
- Kondratieff lange Wellen 20er
- Forrester lange Wellen 70er
- -------------
- "realism approaches" für war/hegemony
- Organski et al
- liberal
- changing system structur
- primacy of individual
- national units
- evolution of existing order (cycles as spirals of innovation)
- -------------
- "Innovation School"
- Schumpeter, lange Wellen 30er
- Mensch et al, lange Wellen 70er
- -------------
- "peace ressearch approaches"
- Modelski et al (war/hegemony)
- revolutionary
- changing system structur
- primacy of society
- class units
- overthrow of existing order (cycles as dialectical movements)
- -------------
- "Captalist Crisis School"
- Trotzki, lange Wellen 20er
- Mandel et al, lange Wellen 70er
- -------------
- "marxist approaches"
- Wallerstein et al für war/hegemony
Diese World Views prägen die Sicht auf das Subjekt der Forschung, nämlich die langen Wellen, so stark, dass Kommunikation zwischen den Schulen extrem schwierig ist. Die Schulen sind benannt danach, was ihrer Meinung nach die Hauptursache für die langen Wellen sind. Die "capital investment school" geht davon aus, dass große Infrastrukturprojekte durch große Investments einen Aufschwung bewirken, aber dann überinvestiert wird, so dass dann ein Abschwung kommt und sich das Investitionspotential erst wieder aufbauen muß für die nächste Welle. Die "Innovation school" geht davon aus, dass im Aufschwung grundlegende Basis-Innovationen nicht zum tragen kommen, weil kein Bedarf für sie ist. Erst im Abschwung bereiten diese Basisinnovationen dann den nächsten Aufschwung vor. Dabei sind diese Basisinnovationen immer so grundlegend, dass die ganze Struktur der Gesellschaft betroffen ist. Die "Capitalist Crisis School" schliesslich geht davon aus, dass Klassenkämpfe die langen Wellen hervorbingen und die aufbegehrenden Arbeiter jeweils den Kapitalismus auf eine neue Stufe zwingen. (Anmerkung: Die Debatte zwischen Trotzki und Kondratieff in den 20ern hat Züge der Debatte zwischen Wertkritik und Poststrukturalismus heute. In beiden Debatten geht es darum ob die Eigendynamik des Kapitalismus oder die "Kreativität der Menge" bzw. der Klassnekampf die Ereignisse vorantreibt). Zusätzlich gab es in der ersten Runde der Lange-Wellen-Theorie auch noch eine "war-school", die von einem großen Einfluß der Kriege auf die Zyklen ausgeht. Das wurde dann aber später nicht mehr weiterverfolgt.
Goldstein ermittelt die "turning points" der langen Wellen nach einem "rough consensus" aller bisherigen Forscher. Daraus bastelt er sich ein "base-dating-scheme". Dieses wird dann zur Basis der empirischen Studien gemacht. Das ist nötig, weil sich rein statistisch die Wellen nur selten nachweisen lassen, weil sie ja eben nicht genau 50 Jahre dauern, sondern schwanken zwischen 30 und 70 Jahren. Soziale Systeme funktionieren nicht so starr. Trotzdem lässt sich sogar mit Fourrier-Analyse eine Häufung von 50 Jahren in manchen Preislisten und in der Kriegsheftigkeit nachweisen.
Das Base-dating-Scheme sieht folgendermaßen aus:
| peak | through |
|---|---|
| (1495) | 1509 |
| 1529 | 1539 |
| 1559 | 1575 |
| 1595 | 1621 |
| 1650 | 1689 |
| 1720 | 1747 |
| 1762 | 1790 |
| 1814 | 1848 |
| 1872 | 1893 |
| 1917 | 1940 |
| 1968/1980 |
Analysiert werden danach immer die "Upswings" vom Through zum Peak und die "Downswings" vom Peak zum Through. Indirekt über die analysierten vergangenen Forschungsergebnisse sind diese Daten auch durch ganz unterschiedliche Methoden abgesichert.
Einigen Aufwand setzt er auch in die wissenschaftstheoretische Sicht auf die Lange-Wellen-Theorien. Seiner Ansicht nach folgen die unterschiedlichen Schulen unterschiedlichen Paradigmen (Kuhn), weswegen sie nicht oder nur wenig in der Lage sind miteinander zu kommunizieren. Das führt dazu, dass die Lange-Wellen-Theorie als Ganzes nur schlecht Wissen akkumulieren kann und deswegen von den Mainstream-Wissenschaften ignoriert oder abgelehnt wird. Dazu bedarf es zunächst einer Übersetzungsleistung zwischen den Schulen. Als solchen Versuch kann man sein Buch verstehen.
Empirisches
Das größte Problem bei der empirischen Untersuchung von langen Wellen ist die schlechte Datenlage. Dabei geht es immer um international synchrone Bewegungen. Das macht die empirische Untersuchung zusätzlich schwierig, weil ein Befund in einem Land zwar ein Hinweis sein kann, aber noch kein endgültiges Urteil. Es gibt nur sehr wenige Datenquellen mit ausreichender Qualität über einen langen Zeitraum und in mehreren Ländern des "core" (Gemeint ist der Kern der kapitalistischen Länder). Das gilt insbesondere für die vorindustrielle Zeit. Halbwegs gute Daten gibt es eigentlich nur für Preise und Kriegsopfer. Goldstein verwendet fast ausschliesslich Datensammlungen aus Studien der untersuchten lange-Wellen-Forscher und macht sich nicht selbst noch auf die Suche nach Datenquellen. Das ist eine methodisches Problem, weil so zB. Daten über Innovationen nur von der Innovations-Schule vorliegen, er so also nicht wirklich "von aussen" und neutral ihre Thesen überprüfen kann.
Goldstein verwendet sehr viel Mühe in die statistische Interpretation der Daten und hat da auch sehr gute Argumente warum viele der bisher von anderen verwendeten Methoden nicht richtig sind. So gelingt es ihm vielfach aus den Daten noch Informationen rauszukitzeln wo andere schon aufgegeben haben.
Im Folgenden gebe ich kurz meine Einschätzung der Relevanz der Ergebnisse an.
Preise bewegen sich sehr eindrucksvoll mit großer statistischer Relevanz im base-dating-scheme. Irgendwelche langen Wellen scheint es also auf jeden Fall zu geben. Von allen anderen Variablen sind nur die Heftigkeit (Nicht Häufigkeit!) der Kriege zwischen core-Ländern ähnlich eindrucksvoll. Die bewegen sich aber näher an einem festen 50-jährigen Zyklus. Ihren Höhepunkt haben sie dabei ca. 5 Jahre vor den Preisen. Diese Erkenntnisse gelten auch für vorindustrielle Zeiten! Goldstein bewertet die besondere Regelmäßigkeit der Kriegsheftigkeit als eine Art "Taktgeber" der langen Wellen. Dieser Takt kommt u.a. durch die Zeit zum Aufbau von Kriegskapazität aber auch durch das soziale Gedächtnis vom Krieg zu stande, dass einen Zusammenhang mit der Generationenfolge hat, die über die Jahrhunderte verhältnismäßig konstant ist.
Noch halbwegs verlässlich sind die Daten für Produktion innerhalb industrieller Zeit (ab ca. 1800). Dabei lässt sich ein Peak ca. 15 Jahre vor dem Preispeak beobachten. Die Daten für Innovationen und Investitionen erschienen mir sehr dünn, aber Goldstein hat sie dann trotzdem 20 Jahre nach bzw. 10 Jahre vor dem Preis-Peak einsortiert.
Für "Klassenkämpfe" hat er sich keine empirische Methode überlegt, er meint allerdings aus den "Reallöhnen", die invers mit den Preisen verlaufen, ableiten zu können, dass bei besonders niedrigen Reallöhnen aufgrund hoher Preise, die Militanz der Arbeiter besonders hoch sei. Aber schon die Daten für die Reallöhne basieren nur auf zwei englischen Zeitlinien und für den Zusammenhang zwischen Reallöhnen und intensitäten von Klassenkämpfen gibt er keine weiteren Begründungen, ausser halt eben die niedrigen Löhne. Später im Hegemonie-Kapitel kommt er noch mal drauf zurück, aber auch da benennt er nur Beispiele, die die These, dass die Heftigkeit von Klassenkämpfen mit den Preisen synchron geht, gerade nicht belegen.
Anmerkungen zu Reallöhnen: In den letzten Jahrzehnten stimmt die inverse Verbindung von Preisen und Reallöhnen IMHO nicht mehr. Im letzten Upswing nach dem Krieg gab es eindeutig eine Steigerung des allgemeinen Lebensstandards in den Kernländern (und also wohl auch eine Steigerung der Reallöhne) und umgekehrt gab es im letzten Downswing seit den 80ern wohl eher eine Stagnation oder Verringerung der Reallöhne. Die von Goldstein verwendeten empirischen Daten gehen nur bis 1955 und sind auch nur aus Südengland. UPDATE: Ich hab mal ein bisschen rumgegoogelt und danach ist die Annahme die Reallöhne würden sich auch nach dem Krieg invers zu den Preisen verhalten zumindestens nicht mehr ganz so abwegig, wie sie mir zuerst erschien.
Sein Modell der langen Wellen
Aufgrund der so gewonnenen Befunde erarbeitet er zunächst eine zeitliche Abfolge im Zyklus. Dabei sind die Jahreszahlen nicht als "Kalenderzeit" zu interpretieren, sondern als "Zykluszeit", sie variieren also in den einzelnen Zyklen u.a. alleine schon weil diese ja auch unterschiedlich lang sind. Er wendet sich mehrfach gegen zu mechanistische Bilder von den langen Wellen auch an dieser Stelle wieder.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 0 | Preis-Peak, Reallohn-Through |
| 0-25 | Preis- und War-Downswing |
| 5 | Stagnation |
| 10 | Production-through |
| 10-35 | Production-upswing |
| 15 | Investment-through |
| 20 | Innovation-Peak |
| 20-25 | War-Through (Heftigkeit von Kriegen der Großmächte) |
| 25 | Preis-Through, Reallohn-Peak |
| 25-50 | Preis- und War-upswing |
| 30 | Expansion |
| 35 | Production-Peak |
| 35-60 | Production-Downswing |
| 40 | Investment-Peak |
| 40-50 | Stagflation |
| 45 | Innovation-Through |
| 45-50 | War-Peak |
| 50 | nächster Preis-Peak |
Aus diesem Modell und Überlegungen der referierten Theoretiker generiert er dann ein vorläufiges kausales Modell, dass sich am besten grafisch veranschaulichen lässt:
Die Pfeile geben dabei immer eine Zeitverzögerung an, so dass sich ineinander verschränkte negative Rückkopplungen ergeben, die dann die eigentliche Zyklusdynamik erzeugen.
Den letzten Peak im base-dating-scheme verschiebt er aufgrund seines Modells (und der es stützenden empirischen Befunde) von 1968 nach 1980. Damit wird auch gleich die Stagflations-Periode der 70er erklärt. Der Produktionspeak war schon überschritten, der Preispeak aber noch nicht: Also Inflation ohne Wachstum, eigentlich ein unübliches kapitalistisches Verhalten. In seinem Modell kommt das aber genau einmal pro Zyklus vor. Generell unterscheidet sich sein Modell in der Verschiebung zwischen Preispeak und Produktionspeak von vielen anderen. Die leichte Verfügbarkeit von Preisdaten und die falsche Anwendung von Statistik hat seiner Meinung nach dazu geführt, dass viele vor ihm den Preispeak synchron mit dem Produktionspeak gesehen haben.
Sein Modell vereinigt auf diese Weise die drei Schulen und übernimmt ihre jeweiligen Hauptargumente und verwirft dabei jeweils einige ihrer Nebenargumente. Ausserdem knüpft er an die alte War-School an, weil Krieg bei ihm wieder ein zentrales Thema ist.
Anmerkungen zum Informationskapitalismus: Leider sind ja gerade die Daten für Innovationen besonders schlecht, so dass die Verwendung seines Modells für meine Fragestellung nach der Funktionsweise des Informationskapitalismus immer noch mit einem dicken Fragezeichen verbunden ist. Ausserdem müsste man seine Untersuchungen um jeweils die Zeit 1980-2008 erweitern um zu gucken ob da schon Auswirkungen von Moores Law zu erkennen sind. Wenn es keine gibt und alles wie in den Zyklen vorher abläuft, scheint nicht viel dran zu sein an meinen Überlegungen. Insofern wäre das immerhin ein negativ-test, den man durchführen könnte. Ich fürchte aber das ist ziemlich aufwändig. Der nächste Schritt wäre auf jeden Fall mal nach weiteren Studien zu gucken, die an ihn anschliessen neben seinem Artikel von 2004, den ich schon verlinkt hatte. Aber wenn er recht hat mit der Unpopularität von lange-wellen-theorien im upswing, dann dürfte da nicht viel erschienen sein. Wir müssen wohl auf die nächste lange Theoriewelle warten - oder sie selber einleiten.
Anmerkung zu Innovationen: Vielleicht sollte man das Modell auch dahingegend verändern, dass weniger von Innovationen gesprochen wird, als mehr von einem strukturellen Umbau der Produktion. So ging mit dem vorletzten Downswing die "Erfindung" des Fordismus einher und mit dem letzten die des Postfordismus.
Anmerkungen zum zweiten Weltkrieg: WW2 ist in seinem Modell eine Ausnahme im eigentlich 50-jährigen Zyklus zwischen den großen Kriegen zwischen Großmächten. Er findet nämlich ungewöhnlich früh im upswing statt, was einige lange-wellen-forscher auch schon dazu verleitet hat, ersten und zweiten Weltkrieg als einen einzigen langen 30jährigen Krieg zu zählen (Er selbst tut das im Kontext der Hegemonie-Zyklen dann auch). Goldstein gibt für diese Ausnahmestellung auch einige Gründe an. Zum einen hat die Erweiterung des kapitalistischen Kerns durch Japan und die UdSSR schon früher wieder die ökonomischen Potentiale für einen großen Krieg bereitgestellt. Ausserdem hat die USA nach WW1 die ihr zugefallene Hegemonierolle nicht wahrgenommen, so dass ein Machtvakuum frei blieb. Ich würde zusätzlich noch die historisch einmalige Vernichtungsideologie der Nazis aufnehmen. Sündenbockereignisse wie Kreuzzüge oder Antisemitische Progrome waren nämlich ansonsten immer eine Sache des downswings (wie Goldstein am Rande bemerkt). Die Nazi-Ideologie hat also ein Downswing-Phänomen mit einem upswing-phänomen (Krieg um die Hegemonie) verknüpft und war somit genau die Ideologie die ein Vernichtungs-Krieg zu diesem (ungewöhnlichen) Zeitpunkt benötigte.
War/Hegemony
Als letzten Teil des Buches präsentiert er einen Überblick über die Geschichte der Neuzeit in Form einer "structural history", wie er das nennt. Gemeint damit ist polit-ökonomische Geschichtsschreibung auf systemischer Ebene, also weltweit und auf langen Zeitskalen. Er betrachtet dabei lange Wellen als kürzeste Zeiteinheit, hegemoniale Zyklen als mittlere Zeitebene und die Gesamtentwicklung der Moderne als längste.
Goldstein teilt die Neuzeit in vier Ären ein, die durch jeweils einen hegemonialen Krieg unterteilt werden. Diese drei Kriege sind der 30-jährige Krieg (1618-48), die französischen Revolutionskriege und ihre Verlängerung in den napeolonischen Kriegen (1793-1815) und 1. und 2. Weltkrieg (1914-1945). Alle drei hatte einen grundlegenden Umbau der politischen und ökonomischen Welt zur Folge, die in grundlegenden Vertragswerken gipfelten. Dem westphälischen Frieden, dem Wiener Kongreß und den Verträgen nach 1945 (Jalta et al). Hegemoniale Kriege entstehen zum Zeitpunkt schwacher Hegemonie und erzeugen einen neuen Hegemon (Niederlande,England,USA).
Jeder hegemoniale Krieg führt ausserdem zu einer neuen Art der militärischen Organisation und zu einem neuen Level an Zerstörung. In der Ära vor dem 30jährigen Krieg gab es Söldnerarmeen, danach professionelle Armeen. Die französische Revolution und Napoleon brachte die Armee mit allgemeiner Wehrpflicht hervor und die Weltkriege schliesslich den High-Tech- und Atom-Krieg.
Dies spiegelt sich auch sehr deutlich in der Statistik der Kriegsheftigkeiten fest. Neben dem deutlich erkennbaren Muster der langen Wellen kann man daran auch die vier Ären ablesen. In jeder Ära scheinen also die langen Wellen durchaus unterschiedlich zu funktionieren.
Generell folgen die hegemonialen Zyklen dem Muster "Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte". Jede Ära hat neben dem Hegemon einen "Challenger". Die Hegemonie nimmt im Laufe der Ära ab, mal schneller (Niederlande nach dem 30 jährigen Krieg), mal langsamer (England nach den napoleonischen Kriegen). Der Streit zwischen Hegemon und Challenger führt schliesslich zu einem neuen hegemonialen Krieg. Aus diesem geht ein neuer Hegemon hervor, der zwar am Krieg beteiligt war, der aber nicht auf seinem Territorium geführt wurde. Das gilt für die Niederlande, für England und für die USA.
Die Verbindungen zwischen langen Wellen und Hegemoniezyklen ist nicht fest, aber auch nicht beliebig. Vor allem im Detail stellt er die hegemoniale Entwicklung innerhalb der Ären als von langen Wellen getrieben dar.
Anmerkung: Ich würde bei der Unterteilung der Ären stärker soziale Prozesse in den Vordergrund stellen. Beim ersten Datum fällt vor allem die Synchronizität mit Bockelmanns Durchsetzung der Geldwirtschaft im Alltag und die Erfindung des Buchgeldes Anfang des 17.Jahrhunderts auf. Robert Kurz schrieb mal in einem Artikel in der Jungle World (online leider nicht mehr zu finden), dass gerade das Söldnerwesen wesentlich zur Durchsetzung dieser neuen Wirtschaftsweise beitrug. Die zweite Ära wäre dann diejenige in der der Nationalstatt entsteht, die dritte ist die Ära der Industrialisierung und die vierte diejenige der Globalisierung.
Anmerkung zu Nationalstaaten: Der gesamte Teil zu den Hegemonialen Zyklen krankt etwas daran, dass er vom Paradigma des Nationalstaates ausgeht. Gerade in der ersten Ära macht das aber nur bedingt Sinn. Und auch bei der Beurteilung der Gegenwart und der Zukunft betont er zwar manchmal die Entstehung Nicht-staatlicher Akteure, aber auf der Ebene der Analyse kommt das noch nicht so recht an. Das Buch ist ja auch schon 20 Jahre alt, das merkt man an solchen Sachen schon.
Ausblick
Goldstein versucht nun diese Erkenntnisse für eine Prognose nutzbar zu machen. Zunächst betrachtet er nur die langen Wellen und prognostieziert sie für die Zeit nach Erscheinen des Buches (1986) folgendermassen:
| 1995-2020 | Production Upswing Phase |
| 2000/05-2025/30 | War Upswing Phase |
| 2010-2035 | Price Upswing Phase |
Das scheint halbwegs hinzukommen, bräuchte aber noch nähere empirische Beweise. Goldstein selbst hat in einem Vortag (http://www.joshuagoldstein.com/jgkond.htm) bei einer Nato-Konferenz 2004 ein paar vereinzelte Hinweise gesammelt.
Die Situation im Hegemonie-Zyklus stellt er da als eine abnehmender amerikanischer Hegemonie. Das macht er vor allem an ökonomischen Daten fest, aber auch am verlorenen Vietnamkrieg.
Er beschreibt dann die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts als Pfad in einem zweidimensionalen Raum, der durch die beiden Zyklen aufgespannt wird.
Daraus leitet er ab, dass es entscheidend ist, in welchem Upswing die amerikanische Hegemonie endgültig geschwächt ist. Er hofft auf eine langsame Abnahme amerikanischer Hegemonie um genug Zeit zu haben um eine neue Weltordnung entwerfen zu können ohne wieder auf einen hegemonialen Krieg angewiesen sein zu müssen, da dass sehr wahrscheinlich dann der letzte wäre. Auch Abschreckungspolitik und die Hoffnung auf Kriegsverhinderung durch größere ökonomische Verquickung lehnt er ab, weil beides sich schon historisch als nicht dauerhaft funktionierend gezeigt hat. Wenn es wieder zu einer Situation im long-wave-upswing und mit schwacher Hegemonie kommt, nutzen diese Strategien beide nichts mehr.
Anmerkung: teilweise humoristische Qualitäten entwickelt das Buch, wenn über die Rolle der UdSSR als Challanger im jetzigen Hegemoniezyklus diskutiert wird. Da leidet das Buch deutlich unter dem Zeitpunkt seines Erscheinens. Gorbatschoff war zwar schon an der Macht und wird sogar zitiert, aber dennoch war noch nicht absehbar, dass innerhalb weniger Jahre dieser potentielle "Challenger" schlicht nicht mehr existiert. Auch ansonsten ist dieser Teil sehr von den Debatten des kalten Krieges die Rede, das wirkt heute natürlich etwas anachronistisch.
Anmerkung: Das Verschwinden des Ostblocks könnte man im Licht dieses Buches interpretieren als notwendige Folge des Ausbleibens einer nötigen Modernisierung im Downswing. 68 ist dafür wohl ein Schlüsseldatum. Wärend im Westen die Protestbewegungen immer mehr integriert wurden und so den Postfordismus möglich machten, kamen in Prag die Panzer und der Ostblock hat den nächsten Upswing nicht vorbereiten können, so dass er dann genau in dem Moment wo der losgehen hätte müssen kollabiert ist.
Anmerkung: Generell wird in dem Buch aber ganz selbstverständlich der Ostblock als vollständig integrierter Teil des kapitalistischen Weltsystems interpretiert, den nur ideologische Gräben vom Westen trennen. Für damals sicherlich keine selbstverständliche Sichtweise, auch wenn das heute schon eher nahe liegt.





