Neues zur Brötchenfrage
Aus Laboratorium
Die Brötchenfrage ist die Frage danach, ob und wie das Prinzip der Selbstentfaltung auf die Produktion materieller Güter wie Brötchen, Computer, Waschmaschinen o.ä. übertragen läßt. Der Begriff Selbstentfaltung bezeichnet dabei Tätigkeiten, die sowohl mit den eigenen als auch mit den gesellschaftlichen Interessen in Einklang stehen.
Benni hat zunächst im einem Text dargestellt worum es geht. Am Ende stand das Bedürfnis nach einer genaueren Analyse, wie denn genau das Verhältnis von materieller und immaterieller Produktion heute aussieht und die Ahnung das vielleicht die einfache Arbeitsdefinition von materiell als etwas zum Anfassen nicht immer weiterhilft. Das wird hier nun im Folgenden versucht in Form einer schrittweisen Annäherung im Wechsel von Frage und Antwort.
Inhaltsverzeichnis |
erste Annäherung
Wieviel Prozent der heutigen Produktion ist immateriell?
So funktioniert es nicht, weil das immer eine Frage der Grenzziehung ist. Gehört der Weizenanbau zur Brötchenproduktion? Die Kalkulation des Bäckers? Das Papierauf dem sie ausgedruckt wird? Das Fällen der Bäume aus denen das Papier produziert wird? Die Produktion der Säge mit der das Holz gefällt wird? Und schliesslich vielleicht sogar das Brötchen, dass der Holzfäller in der Mittagspause verdrückt?
Man landet also ohne Grenzziehung am Ende immer bei der Gesamtheit menschlicher Produktion. Und zwar nicht nur der heutigen, sondern auch der historischen. Jede Grenzziehung ist aber willkürlich.
Es findet sich also in jedem Produkt immer beides: Materielles sowie Immaterielles. In jedem Brötchen steckt also schon ein Stück Freie Software und ein noch größeres Stück, das mittels verlustfreier digitaler Kopie erzeugt wurde. Überspitzt: Zum Teil benutzen wir den Replikator bereits.
zweite Annäherung
Ist das nicht nur ein scheinbares Problem? Ist es nicht so, dass der Anteil an einem Produkt ja immer kleiner wird, je mehr Schritte ich in der Produktionskette zurückgehe. Kann man also nicht analog zu einer mathematischen Reihe mit Grenzwert davon ausgehen, dass - trotz der Unendlichkeit der Vorprodukte - man dennoch angeben kann wie groß der Anteil an materiellen und an immateriellen Vorprodukten ist? Zumindestens theoretisch?
Ja. Auch wenn es im Einzelfall schwer sein dürfte diese Zahl zu ermitteln.
dritte Annäherung
Wird also unser Problem notwendig immer kleiner, weil mittels verlustfreier digitaler Kopie immer mehr hergestellt werden kann als auf herkömmlichem analogen Weg? Ist es also nicht vielleicht so, dass das Brötchen sich quasi stückchenweise immer mehr digitalisiert?
Ja, das scheint tatsächlich so zu sein.
vierte Annäherung
Hilft uns denn das aber was?
Nein. Der Vorteil der immateriellen - tendenziell mittels verlustfreier digitaler Kopie produzierbarer - Produkte für uns ist ja, dass sie einen eingebauten Knappheitsvernichter haben, eben die digitale Kopie. Was macht nun aber das Brötchen mit seinem immateriellen Anteil? Genau: Es führt die Knappheit wieder ein für etwas was schon entknappt war. Umgekehrt entknappt aber die Freie Software den materiellen Anteil ihrer Produktion.
Die Entknappung würde also nur dann auf der historischen Gewinnerstraße fahren, wenn mehr entknappt wird als verknappt. Also zum einen der immaterielle Anteil den materiellen übersteigt und sogar noch viel mehr der entknappte Anteil innerhalb des Immateriellen den verknappten Anteil (unabhängig von seiner Immaterialität) übersteigt.
fünfte Annäherung
Wichtiger als die Frage "Ist es materiell oder immateriell?" ist also die Frage "Ist es knapp oder nicht?". Bisher gehen wir davon aus, dass immaterielle Produkte weniger leicht zu verknappen sind als materielle. Stimmt denn das überhaupt?
Ja und Nein. Eine detailliertere Anwort wird versucht in Virtuosität und Immaterialität.
sechste Annäherung
Bei all diesen Überlegungen ist ein kleines Wort in der ursprünglichen Frage ("Wie genau sieht heute das Verhältnis von materieller zu immaterieller Produktion aus") nicht vorgekommen. Das Wort "heute". Alle bisherigen Überlegungen waren ahistorisch. Das sich irgendetwas geändert hat und noch ändert im Verhältnis zwischen materieller und immaterieller Produktion ist offensichtlich. Was also hat sich geändert, was ändert sich noch?
- Die vermeintlich materielle Produktion verlagert sich von den Zentren in die Peripherie.
- Die digitale Kopie gibt der vermeintlich immateriellen Produktion einen "unfairen" Vorteil, den sie vorher in dem Maße nicht hatte.
Beides zusammen führt zu einer wachsenden Macht der Zentren über die Peripherie. Oder auch: Unsere Brötchen kommen von immer weiter her und die Bäcker sind immer schlechter bezahlt.

