Virtuosität und Immaterialität

Aus Laboratorium

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Paolo Virno nennt in die "Grammatik der Multitude" die Virtuosität eine wichtige Basiskategorie zur Bestimmung der Tätigkeiten der Multitude. Virtuos ist demnach solche Tätigkeit, die kein Werk oder Produkt erzeugt sondern ihre Vollendung in sich selbst findet und die Außerdem der Anwesenheit eines Publikums bedarf.

Virtuosität ist klassischerweise (Arendt, Aristoteles) der Sphäre der Politik zugeordnet wird im Postfordismus jedoch zur Bedingung der produktiven, Mehrwert schaffenden Arbeit und zwar nicht nur bei den klassischen Kopfarbeitern sondern überall.

Hardt und Negri sprechen von immaterieller Arbeit wenn sie die Tätigkeiten der Multitude im Postfordismus beschreiben wollen. Zunächt erscheint es so, dass diese beiden Kategorien viel gemeinsam haben. Das stimmt jedoch nicht, Virtuosität ist eine Kategorie, die die Vorhandenheit oder Abwesenheit eines Produktes betrifft, wärend Immaterialität eine Kategorie ist, die eine Aussage macht über die Beschaffenheit eines Produktes. Die beiden Kategorien sind also vielmehr orthogonal zu verstehen. Dies wird etwas verwässert durch die Kategorie der "affektiven Arbeit", die Hardt/Negri einführen. Affektive Arbeit ist dabei solche immaterielle Arbeit, die Affekte (Gefühle, Stimmungen, Images) produziert. Diese wäre nach Virno teilweise virtuos (Hausarbeit, Service, ...), teilweise nur bedingt (Werbung, Marketing, ...). Es stellt sich die Frage, inwieweit ein Affekt überhaupt als Produkt oder Werk betrachtet werden kann.

Zusätzlich gibt es eine dritte Kategorie, die von diesen Autoren ignoriert wird. Sie betrifft nicht die Materialität oder Immaterialität des Produktes sondern die Materialität oder Immaterialität der Ausgangsstoffe, also dessen womit man bei der Tätigkeit hantiert. Man kann sehr wohl mit materiellen Dingen hantieren und Immaterielles dabei produzieren und umgekehrt. Z.B. hantieren Reproduktionsarbeiter mit Materiellem und produzieren entweder Immaterielles (Gesichtspunkt Affektive Arbeit) oder garnichts (Gesichtspunkt Virtuosität) wärend ein Roboter-Programmierer mit Immateriellem hantiert und dabei materielles produziert..

Über Virno und Hardt/Negri hinausgehend könnte man deswegen von einem Raum sprechen, der aufgespannt wird durch die drei Koordinatenachsen materielle vs. immaterielle Tätigkeit, matterielle vs. immaterielles Produkt und virtuos vs. nicht-virtuos.

Wie genau ordnen sich nun die verschiedensten Tätigkeiten in diesem Raum an?

Der Industrielle Kapitalismus hat seine Stärke vor allem im Bereich der nicht-virtuosen materiellen Tätigkeiten mit materiellen Produkten. Im Postfordismus bewegt sich nun die Tätigkeit in diesem Bereich durch Rationalisierung ins Immaterielle ohne die Materialität des Produktes zu beeinträchtigen.

Die industrielle Produktion immaterieller Güter (Kulturindustrie) findet ihre Tätigkeit im Quadranten Immateriell (sowohl Produkt, als auch Tätigkeit) - Nicht-Virtuos wieder. Sie benötigt ein Produkt (Film, Schallplatte, ...) um die ursprüngliche Virtuosität der Schauspieler, Musiker, ... verwerten zu können. Die aktuelle Entwicklung (Filesharing) zeigt, dass die Rest-Materialität in Form von Datenträgern dabei entscheidend war um die Virtuosität zu fesseln.

Reproduktionsarbeit und Caring Labour befinden sich im Bereich Virtuosität, materielle Tätigkeit und immaterielles Produkt.

Software ist zum Teil virtuos und zum Teil nicht virtuos aber in Tätigkeit und Produkt immateriell. Virtuosität findet sich dabei vor allem in den ergänzenden Tätigkeiten von Wartung und Schulung, aber auch schon in der Entwurfsphase ist es meist enorm wichtig in Zusammenarbeit mit dem Kunden Virtuosität im Virnoschen Sinne zu zeigen.

Der Bezug zur Knappheit

Für die Beurteilung emanzipatorischer Potenziale dieser Formen von Arbeit ist es wichtig ihren Einfluß auf die Knappheit zu betrachten.

Virtuosität ist der Knappheit förderlich, weil sie immer nur an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit wirksam wird. Ebenso fördern materielle Produkte die Knappheit, weil sie nicht kopierbar oder verbreitbar sind. Auch die Materialität der Ausgangsstoffe ist förderlich für Knappheit, weil diese selbst leichter knapp zu halten sind.

Die kapitalistische Produktion benötigt dabei nur einen Knappheitsfaktor. Es reicht ja aus, wenn man das Produkt irgendwie verknappen kann. Wie das genau im Einzelnen geschieht ist nicht entscheidend, auch wenn zusätzliche Verknappungsfaktoren natürlich praktisch sind um im Zweifel ausweichen zu können (das ist der Vorteil der klassischen Industrieproduktion). Somit sind alle Kombinationen dieser drei Faktoren auf einfache Weise verknappbar. Nur die nicht-virtuose, in Produkt und Ausgangsstoffen immaterielle Tätigkeit ist eine die man im Sinne einer Keimform zuerst von der Knappheit befreien könnte. Es ist also kein Zufall, dass Freie Software sich oft gerade durch ihre zum virtuosen neigenden Randtätigkeiten (zB. Service) finanziert.

Siehe auch: Neues zur Brötchenfrage