Bedeutungswirbel und Arbeit: Unterschied zwischen den Seiten

Aus Bennis Wiki
(Unterschied zwischen Seiten)
Wechseln zu: Navigation, Suche
(Die Seite wurde neu angelegt: „Ein Bedeutungswirbel im methodischen Sinn ist die wirbelige, wilde Annäherung an ein Bedeutungsfeld durch das Umkreisen mittels mehrerer Begriffe und die Unte…“)
 
(Motivation)
 
Zeile 1: Zeile 1:
Ein Bedeutungswirbel im methodischen Sinn ist die wirbelige, wilde Annäherung an ein Bedeutungsfeld durch das Umkreisen mittels mehrerer Begriffe und die Untersuchung ihrer Beziehungen zueinander.
+
===Motivation===
  
In einem anderen Sinn ist ein Bedeutungswirbel eine sozial wirksame Meta-Abstraktion, die genau umgekehrt wilde, wirbelige Vorgänge innerhalb der Multitude strukturiert und ihnen Richtung und Ziel gibt.
+
Arbeit ist eine Art seltsamer Attraktor mehr oder weniger jeder Auseinandersetzung und fast aller Diskurse. Krankenkasse? Arbeit! Autobahn bauen? Arbeit! Klimakatastrophe! Arbeit? Bildung? Für die Arbeit! Bis hin zu der bizarren Meldung, dass jetzt eine Studie erwiesen habe, dass Babys, die gestillt werden, später erfolgreicher im Arbeitsleben sind... und so den lieben langen Tag lang. Die Wahlplakate der Parteien, die dann alle unisono "Arbeit, Arbeit, Arbeit" (SPD) fordern, wenn nicht sogar "Arbeit soll das Land regieren!" (PDS), sind davon eigentlich nur ein müder Abklatsch.
  
Wichtig ist aber auch, was ein Bedeutungswirbel nicht ist: Er ist nicht die Fortsetzung des Satzanfangs "Ein X ist ...", er ist also keine Definition, weder formaler noch informeller Art.
+
Wenn man versucht diesem bizarren Phänomen auf den Grund zu gehen und dem Diskurs um die Arbeit nachzuspüren, merkt man sehr schnell, dass eine Vielzahl von Arbeitsbegriffen im Umlauf sind: ökonomische, psychologische, anthropologische, ästhetische, ethische ja selbst theologische. Diese sind oft im Widerspruch zueinander, ebensooft werden sie aber im alltäglichen Gebrauch in gegenseitiger Unterstützung verwendet.
  
===Wirbel und Begriff===
+
Ein kritischer Umgang mit diesem Phänomen kann also nicht nur darin bestehen, der Vielzahl an Begriffen einen weiteren hinzuzufügen, wie es der Marxismus versucht hat, sondern muß in dem Versuch bestehen die alltägliche Konstruktion in dem, was wir unter "Arbeit" verstehen, zu dekonstruieren und schliesslich aufzuheben.
  
Philosophie ist die Konstruktion von Begriffen (Deleuze/Guattari). Bedeutungswirbel sind das, was sich jedem Begriff entzieht. Das klingt sehr mystisch, ist jedoch im Gegenteil vollkommen irdisch. Ein Begriff ist immer ein Anhalten, ein Definieren, etwas statisches. Das funktioniert in der Mathematik und in der Philosophie. Das Leben jedoch ist immer schon einen Schritt weiter, wenn wir es endlich auf den Begriff gebracht haben.
+
Zum anderen wäre ein weiterer Begriff von Arbeit immer damit konfrontiert, dass Arbeit immer eine Beziehung zwischen Menschen und Dingen sein muß, sei es als Mühsal oder als Stoffwechselprozeß mit der Natur. Eine fundamentale Gesellschaftskritik mit einer Perspektive der Veränderung (und um die geht es hier) muß jedoch immer die Beziehungen zwischen Menschen im Blick haben. Die postulierte Allgegenwart der Arbeit - und sei es auch noch so kritisch gemeint - ist also immer auch die Allgegenwart der Verdinglichung (und nicht nur ihr Postulat!). Deshalb:
  
Bedeutungswirbel bringen Begriffe in Bewegung und setzen sie in Beziehung zueinander und zur sozialen Realität, sie bewegen also auch die Gesellschaft. Begriffe alleine sind dazu nicht in der Lage.
+
===Bedeutungswirbel===
  
Begriffe haben immer Begriffspersonen, die ihnen ihre Bedeutung erst geben. Dialektik (Aristoteles) ist ein anderer Begriff als Dialektik (Hegel). Beduetungswirbel sind aber überpersonal. Sie sind die Zusammenwirkung aller personalisierten Begriffe und somit selbst unpersönlich. Das macht sie auch material, weil sie gesellschaftlich wirken, nicht individuell.
+
Arbeit ist mehr als ein Begriff. Arbeit ist ein [[Bedeutungswirbel]], der kreative Macht in instrumentelle Macht verwandelt.
  
Bedeutungswirbel funktionieren viel eher auf der Ebene von Wörtern als auf der Ebene von Begriffen. Sie beinhalten Assoziationen, Sprichworte, Redewendungen, Alltagssprache ebenso wie Emotionen und Affekte .
+
Arbeit hat zwei Achsen. Eine soziale und eine kulturelle. Auf der sozialen Achse wird Arbeit gebildet durch ihre zwei Gegensätze: Durch den psychologischen Gegensatz zum Flow und den ökonomischen Gegensatz zur Freizeit. Auf der kulturellen Achse wird Arbeit gebildet durch ein weiteres Paar von Gegensätzen: Den ästhetischen Gegensatz zur Muße und den ethischen Gegensatz zur Faulheit.
  
Dialektik kann durchaus Teil von Bedeutungswirbeln sein, sie erschöpfen sich aber nicht darin. Dialektische Widersprüche, Synthesen, Spiralen sind Teil des Wirbels ohne schon der ganze Wirbel zu sein.
+
Diese Gegensätze sind nicht in dem Sinne Gegensätze zu Arbeit, dass sie sich definitorisch ausschliessen würden, vielmehr sind es Gegensätze nur in einem Teil des wirbeligen Bedeutungsfeldes von Arbeit. Wie bestimmen sich diese Gegensätze im Einzelnen?
  
Bedeutungswirbel sind vielleicht der schwierige Versuch Dialektik und Poststrukturalismus zu versöhnen.
+
Psychologisch gesehen ist Arbeit vor allem ein Etwas-gegen-einen-Widerstand-Tun. Wenn man das was man tut, ohne einen Widerstand tut, kann das zum Flow führen. Auch Arbeit kann zum Flow führen, ist es dann aber zumindestens in diesem psychologischen Sinne nicht mehr.
===Wirbel und Transzendenz===
+
  
Begriffe sind immer notwendig transzendent, weil sie genau dieses wirbelige, diese permanente Bewegung nicht haben können. Begriffe sind jedoch unverzichtbar, denn ohne sie könnten wir den Bedeutungswirbeln noch viel weniger auf die Spur kommen. Der Mystizismus ist der Versuch des Bedeutungswirbelns durch Ausschalten der Begriffe. Dabei ist das größte Problem vielleicht weniger, dass es nicht funktioniert, als vielmehr, dass es intersubjektiv nicht vermittelbar ist. Es gab den Versuch in den siebzigern diese Schranke durch Drogen aufzuheben. Das mag im Einzelfall vielleicht sogar funktionieren, aber gesellschaftlich ist daraus vor allem Elend entstanden. Eine Linie des Scheiterns der 68er hat so funktioniert. Esoterik oder Drogen sollten das schaffen, was Begriffe nicht geschafft haben.
+
Ökonomisch gesehen ist Arbeit vor allem ein Verkaufen von Zeit. Deswegen ist auch die davon unberührte Zeit ihr Gegensatz, eben die Freizeit.
===Bedeutungswirbel erschaffen===
+
  
Bedeutunsgwirbel sind ein Prozess, sie beschreiben nicht nur Bewegung, sie sind selbst Bewegung. Sie sind Tendenz, haben ein Ziel, dass jedoch immer unereichbar bleibt. Bedeutunsgwirbel treiben uns an, sie sind vielleicht selbst Wunschmaschinen.
+
Ästhetisch gesehen ist Arbeit vor allem ein Beschäftigt-Sein und somit der Gegensatz zu Muße.
  
Das Laboratorium erschafft Bedeutungswirbel, wenn es funktioniert. Ebenso erschaffen aber auch andere Methoden von Herrschaft und Befreiung Bedeutungswirbel.
+
Ethisch betrachtet ist Arbeit vor allem ein Tätig-Sein und somit der Gegensatz zu Faulheit.
  
Hegemonie ist der größte Wirbel im Feld der Macht.
+
Es ist offensichtlich, dass jeder dieser Gegensätze nicht ausschließend sein kann. Eine Tätigkeit kann Selbstentfaltung sein und doch (ökonomisch betrachtet) Arbeit, eine Tätigkeit kann ethisch betrachtet Arbeit sein und doch ökomisch Freizeit usw. Diese Gegensätze sind also noch nicht Arbeit.
===Wirbel unter sich===
+
  
Bedeutungswirbel stehen nicht alleine. Sie sind immer eine Dynamik von Aus- und Eingrenzung. Das Grenzgebiet ist immer umkämpft. Die Nachbarschaft ist dabei nicht durch eine definitorische Grenzziehung wie bei Begriffen gekennzeichnet. Etwas (Eine Handlung, ein Ereignis, eine Redensart, ...) kann in verschiedenen Wirbeln aktiv sein und dort ganz unterschiedliche Funktionen ausüben.
+
Es existieren noch weitere Arbeitsbegriffe, insbesondere der anthropologische und der theologische, diese sind aber eher zu verstehen als gescheiterter Versuch alle die anderen Bedeutungen unter einen Hut zu bekommen.
  
Die Nachbarschaft von Bedeutungswirbeln entsteht darüber, dass ein Teil ihrer Dynamik gemeinsam ist.
+
Arbeit entsteht erst im Bedeutungswirbel, der durch diese zwei Achsen aufgespannt wird. Jeder Gegensatz an sich bietet einen scheinbaren Ausweg aus der Arbeit, doch jeder dieser Auswege wird irgendwann durch einen der anderen Gegensätze eingeholt. Dieser Wirbel deckt tendenziell den gesamten menschlichen Tätigkeitsbereich ab. Dadurch, dass Arbeit im Herzen des Wirbels steht, bezieht sich alle Tätigkeit auf Arbeit. Jegliche menschliche Tätigkeit wird zu Arbeit gerade dadurch, daß Arbeit so viele Gegensätze hat.
===konstruktivistische Wirbel===
+
  
Wollte man in systemtheoretischen und konstruktivistischen Vokabular beschreiben, was Bedeutungswirbel sind, könnte das in etwa so aussehen:
+
Arbeit ist also nicht eine Tätigkeit, sondern das arbeitsförmig-werden jeglicher Tätigkeit. Arbeit ist außerdem gesellschaftliche in dem Sinne, dass weniger einzelne - quantifizierbare - Tätigkeiten Arbeit ausmachen, sondern dass Arbeit entsteht in der Beziehung zwischen Menschen, in der relationalen Verknüpfung der Arbeitenden. Der traditionelle Kapitalismus hat die Tätigkeit Arbeit organisiert und verwertet. Zunehmend wird jedoch die (Selbst-)Organisation der Arbeitdenden verwertet, was dem Kapitalismus ein ganz neues Feld des Arbeit-Werdens eröffnet - und davon nährt sich der Wirbel.
  
Bedeutungswirbel bezeichnen Orte im konsensuellen Wahrnehmungsfeld von Menschen, wo ein Symbol (der vermeintliche Begriff) unterschiedliche, aufeinandertreffende Wahrnehmungsinseln (die nicht identisch sein müssen mit Individuen) bezeichnet. Je unterschiedlicher die konnotierten Wahrnehmungen sind, um so wirbelliger ist der Ort.
+
Die kreative Macht der Multitude erhält durch Arbeit Ziel und Richtung. Doch es sind nicht ihr Ziel und ihre Richtung. So wird sie zur instrumentellen Macht.
 +
===Abschaffung der Arbeit===
  
Verständigung- und Aneignungsphänomene von Individuen und Kulturströmungen sind gleichzeitig Zustand als auch Dynamik (Praxis). Bedeutungswirbel meint somit gleichzeit den Versuch, den Ort wie auch die Dynamik in diesem Ort zu beschreiben, wie die physikalischen Wirbel, die wir kennen.
+
In der Rede von der "Abschaffung der Arbeit" zeigt sich das ganze Dilemma des Bedeutungswirbels. Diese Forderung lässt sich aufgrund des wirbeligen Charakters des Bedeutungsfeldes "Arbeit" immer leicht abbiegen (zB. so: "Menschen werden immer tätig sein müssen um ihr Überleben zu sichern", was eine offensichtliche Verschiebung verschiedener Arbeitsbegrifflichkeiten ist). Sinn macht diese Forderung jedoch dann, wenn man sie versteht als das Brechen der Hegemonie des Arbeitswirbels und der Verstärkung alternativer, benachbarter Wirbel.
 +
[bearbeiten]
 +
Arbeit und Wert
  
Ein physikalischer Wirbel beschreibt auch den Ort und die Gestalt der Strömungen und Massen, die an diesem Ort zusammenwirken.
+
Arbeit ist keine Tätigkeit, sondern die Bewertung oder das Aufsaugen einer Tätigkeit. Etwas ist dann Arbeit, wenn ich oder andere es psychologisch, anthropologisch, ökonomisch, ... als solche bewerten, messen. Der Wert ist das Wert-werden, also das Maß, ist das Messen der Welt, ist die Tendenz der Aufklärung auf der Suche nach einem allumfassenden totalen System. Die Totalität des Werts wäre das totale System der Aufklärung.
  
Zum einen ist es eine Ortsbestimmung, die Ränder auf Wahrnehmungsachsen (ästhetische, psychische etc) beschreibt. Zum anderen ist es Funktionsbestimmung (in Arbeit: Bedeutungswirbel verwandelt ... Macht ...)
+
Der Wert geht also der Arbeit voran. Vielleicht war es das was uns die Krisis-Leute sagen wollten?
  
Bedeutungswirbel sind somit gleichzeitig gefährlich wie auch fruchtbar. Verschiedener Strömungen unbewusst können Diskurse im Wirbel gefangen werden.
+
Umgekehrt geht aber auch die Arbeit dem Wert voran, weil selbstverständlich die in-Wert-Setzung der Welt nicht funktioniert ohne die Verwandlung menschlicher Tätigkeit in instrumentelle Macht.
  
Bewußtheit wäre die konsensuelle Einigung auf Benennung der Strömungen, die dann Kraft aus dem Netzwerk der Bedeutungswirbel ziehen könnte.
+
Arbeit und Wert sind wie Henne und Ei.
===Wirbel und mentale Modelle===
+
  
Im Folgenden hier ein weiterer Versuch zu erklären was Bedeutungswirbel sein können und was sie nicht sein können anhand einer anderen Herangehensweise. Ich beziehe mich dabei auf den Text "Zum Begriff Mentales Modell", der im Forschungsprojekt Keimform entstanden ist. Idealerweise geht es darum die beiden noch in der Entstehung befindlichen Begriffe aneinander zu schärfen.
+
TODO: Arbeit und Anerkennung
 +
===benachbarte Wirbel===
  
Zunächst eine Auflistung von ins Auge fallenden Gemeinsamkeiten und Unterschieden:
+
Benachbarte Bedeutungswirbel sind die Wirbel von [[Spiel]] und [[Liebe]]. In beiden Fällen ist das Verhältnis zwischen den Wirbeln eines der Konkurrenz (um gesellschaftliche Ressourcen, um Aufmerksamkeit, um Bedeutung) aber auch eines der gegenseitigen Bedingtheit.
===Gemeinsamkeiten===
+
  
Beide Begriffe sind ein Versuch die Verbindung von Theorie und Praxis, von Denken und Handeln neu zu begreifen.
+
An diesen Schnittstellen zwischen den Wirbeln kann eine emanzipatorische Politik wirksam ansetzen. Es gilt also diese Grenzzonen zu untersuchen und dort Experimente zu wagen, die die Wirbel verschieben oder auch überhaupt erst in ihrem Wirken deutlich machen. Neben der Untersuchung der benachbarten Wirbel ist es auch wichtig, die innere Anatomie des Arbeitswirbels genauer zu untersuchen. Dafür kann es hilfreich sein, verschiedene Arten von Arbeit zu unterscheiden.
 +
[bearbeiten]
 +
Arten von Arbeit
  
Beide versuchen komplexe gesellschaftliche Dynamiken verstehbar und beeinflußbar zu machen.
+
TODO: Zwangsarbeit, notwendige Arbeit, ...
 +
===immaterielle Arbeit===
  
Beide versuchen Gefühle, Alltagshandeln und Alltagssprache als gleichberechtigt mit rationalen Argumenten zu behandeln.
+
Die Definition von immaterieller Arbeit als Arbeit, die immaterielle Produkte herstellt wie bei Hardt/Negri, macht aus dieser Sichtweise keinen Sinn (siehe auch: Neues zur Brötchenfrage, Virtuosität und Immaterialität). Vielmehr wäre der Blick darauf zu richten, das immaterielle Arbeit den Wirbel erweitert. Auf einmal werden auch Tätigkeiten von weiter außen in den Wirbel gezogen. Der Wirbel gewinnt also an Macht.
===Unterschiede===
+
  
"Mentale Modelle" halten daran fest, dass es eine unverrückbare "Wahrheit" gibt, die wir zwar nur unzureichend oder garnicht erfassen können, die aber trotzdem der Bezugs- und Überprüfbarkeitspunkt ist auf den man sich immer zurückziehen kann. Demgegenüber betonen "Bedeutungswirbel" die Konstruiertheit des Sozialen. (Zu dieser Formulierung gab es einen Einwand und schliesslich sogar einen ganzen Text von Annette Schlemm, irgendwas stimmt hier noch nicht, eine bessere Formulierung ist gesucht).
+
Das ist überhaupt das Wesen des Kapitalismus: Er weitet den Wirbel immer weiter aus.
 +
 
 +
Die befreiende Wirkung, die Hardt/Negri in der immateriellen Arbeit sehen, findet sich nicht dort, sondern in den Bewegungsmomenten von Arbeit, die ebenso zu den benachbarten Bedeutungswirbeln von Spiel oder Liebe gehören. Es macht möglicherweise Sinn, diesen Aspekt des Arbeitswirbels als immaterielle Arbeit zu bezeichnen. Ohne ein Verständnis des Gesamtwirbels sieht man aber nur das halbe Bild und landet schliesslich bei dem manchmal etwas naiv wirkenden Optimismus der Operaisten.
 +
===Lohnarbeit und Prekarisierung===
 +
 
 +
Lohnarbeit ist im Zentrum von Arbeit. Sie ist der Auge des Hurricans. Ein Bereich verhältnismäßiger Ruhe im Zentrum des Wirbels. Sie ist klar definiert. Jeder weiß, dass er arbeitet, so lange er lohnarbeitet. Dennoch gäbe es ohne Lohnarbeit keine Arbeit. Das Zentrum ist ebenso ruhig wie bestimmend. Lohnarbeit ist das Bedeutungszentrum des Wirbels. Jedes Denken über Arbeit bezieht sich zwangsläufig auf Lohnarbeit.
 +
 
 +
Natürlich gibt es trotzdem schon immer und immer wieder Kämpfe um die Gestaltung von Lohnarbeit, doch sind diese Kämpfe meist schon erstarrt, gesellschaftlich kontrolliert und gezähmt. Sie sind wie das laue Lüftchen, das auch im Auge des Hurricans weht.
 +
 
 +
Am stärksten weht der Wind am Rande des Auges in der eye wall. Das ist der Bereich in dem darum gekämpft wird, welche Arbeit Lohnarbeit ist und welche nicht. Das ist der Bereich der Prekarisierung. Wo Menschen hin- und hergewirbelt werden ohne jeden Halt. Wo selbst gemauerte Häuser nicht mehr sicher sind.
 +
===eine Beispielhafte Anekdote===
 +
 
 +
Ich schufte gerade auf einer Baustelle hier im Haus, das zur Hälfte meinen Eltern gehört und wo ich dann selber wohnen werde, also eigentlich ein Fall von Selbstentfaltung. Dennoch ist das ganze ausgesprochen unangenehm und eigentlich in jeder Beziehung Arbeit. Eben - ich war in Gedanken noch ganz bei diesem Text - kam dann ein mittelalter Mann vorbei, der sich nur mühsam auf zwei Krücken aufrecht halten konnte, sah mich mit meinen Kieseimern, nickte anerkennend und sprach: "Das ist Arbeit!".
 +
 
 +
Ein Versuch der Interpretation dieser Anekdote im Licht der obigen Überlgungen: Das entscheidende an dieser Aussage ist nicht, ob er Recht hat oder nicht. Entscheidend ist vielmehr seine Reproduktion des Arbeitswirbels durch seine Bewertung als Arbeit. Dies geschieht einerseits durch das Anerkennen einer mühseligen Tätigkeit als 'Arbeit' und zum anderen dadurch, daß er sich selbst aufwertet in dem er andeutet, dass er nur vorübergehend verhindert sei zu arbeiten, sonst wüsste er ja wohl kaum, wovon er redet! Er bewertet also nicht nur die Tätigkeit eines anderen, sondern auch die eigene imaginierte Tätigkeit.

Aktuelle Version vom 4. Juni 2014, 19:36 Uhr

Motivation

Arbeit ist eine Art seltsamer Attraktor mehr oder weniger jeder Auseinandersetzung und fast aller Diskurse. Krankenkasse? Arbeit! Autobahn bauen? Arbeit! Klimakatastrophe! Arbeit? Bildung? Für die Arbeit! Bis hin zu der bizarren Meldung, dass jetzt eine Studie erwiesen habe, dass Babys, die gestillt werden, später erfolgreicher im Arbeitsleben sind... und so den lieben langen Tag lang. Die Wahlplakate der Parteien, die dann alle unisono "Arbeit, Arbeit, Arbeit" (SPD) fordern, wenn nicht sogar "Arbeit soll das Land regieren!" (PDS), sind davon eigentlich nur ein müder Abklatsch.

Wenn man versucht diesem bizarren Phänomen auf den Grund zu gehen und dem Diskurs um die Arbeit nachzuspüren, merkt man sehr schnell, dass eine Vielzahl von Arbeitsbegriffen im Umlauf sind: ökonomische, psychologische, anthropologische, ästhetische, ethische ja selbst theologische. Diese sind oft im Widerspruch zueinander, ebensooft werden sie aber im alltäglichen Gebrauch in gegenseitiger Unterstützung verwendet.

Ein kritischer Umgang mit diesem Phänomen kann also nicht nur darin bestehen, der Vielzahl an Begriffen einen weiteren hinzuzufügen, wie es der Marxismus versucht hat, sondern muß in dem Versuch bestehen die alltägliche Konstruktion in dem, was wir unter "Arbeit" verstehen, zu dekonstruieren und schliesslich aufzuheben.

Zum anderen wäre ein weiterer Begriff von Arbeit immer damit konfrontiert, dass Arbeit immer eine Beziehung zwischen Menschen und Dingen sein muß, sei es als Mühsal oder als Stoffwechselprozeß mit der Natur. Eine fundamentale Gesellschaftskritik mit einer Perspektive der Veränderung (und um die geht es hier) muß jedoch immer die Beziehungen zwischen Menschen im Blick haben. Die postulierte Allgegenwart der Arbeit - und sei es auch noch so kritisch gemeint - ist also immer auch die Allgegenwart der Verdinglichung (und nicht nur ihr Postulat!). Deshalb:

Bedeutungswirbel

Arbeit ist mehr als ein Begriff. Arbeit ist ein Bedeutungswirbel, der kreative Macht in instrumentelle Macht verwandelt.

Arbeit hat zwei Achsen. Eine soziale und eine kulturelle. Auf der sozialen Achse wird Arbeit gebildet durch ihre zwei Gegensätze: Durch den psychologischen Gegensatz zum Flow und den ökonomischen Gegensatz zur Freizeit. Auf der kulturellen Achse wird Arbeit gebildet durch ein weiteres Paar von Gegensätzen: Den ästhetischen Gegensatz zur Muße und den ethischen Gegensatz zur Faulheit.

Diese Gegensätze sind nicht in dem Sinne Gegensätze zu Arbeit, dass sie sich definitorisch ausschliessen würden, vielmehr sind es Gegensätze nur in einem Teil des wirbeligen Bedeutungsfeldes von Arbeit. Wie bestimmen sich diese Gegensätze im Einzelnen?

Psychologisch gesehen ist Arbeit vor allem ein Etwas-gegen-einen-Widerstand-Tun. Wenn man das was man tut, ohne einen Widerstand tut, kann das zum Flow führen. Auch Arbeit kann zum Flow führen, ist es dann aber zumindestens in diesem psychologischen Sinne nicht mehr.

Ökonomisch gesehen ist Arbeit vor allem ein Verkaufen von Zeit. Deswegen ist auch die davon unberührte Zeit ihr Gegensatz, eben die Freizeit.

Ästhetisch gesehen ist Arbeit vor allem ein Beschäftigt-Sein und somit der Gegensatz zu Muße.

Ethisch betrachtet ist Arbeit vor allem ein Tätig-Sein und somit der Gegensatz zu Faulheit.

Es ist offensichtlich, dass jeder dieser Gegensätze nicht ausschließend sein kann. Eine Tätigkeit kann Selbstentfaltung sein und doch (ökonomisch betrachtet) Arbeit, eine Tätigkeit kann ethisch betrachtet Arbeit sein und doch ökomisch Freizeit usw. Diese Gegensätze sind also noch nicht Arbeit.

Es existieren noch weitere Arbeitsbegriffe, insbesondere der anthropologische und der theologische, diese sind aber eher zu verstehen als gescheiterter Versuch alle die anderen Bedeutungen unter einen Hut zu bekommen.

Arbeit entsteht erst im Bedeutungswirbel, der durch diese zwei Achsen aufgespannt wird. Jeder Gegensatz an sich bietet einen scheinbaren Ausweg aus der Arbeit, doch jeder dieser Auswege wird irgendwann durch einen der anderen Gegensätze eingeholt. Dieser Wirbel deckt tendenziell den gesamten menschlichen Tätigkeitsbereich ab. Dadurch, dass Arbeit im Herzen des Wirbels steht, bezieht sich alle Tätigkeit auf Arbeit. Jegliche menschliche Tätigkeit wird zu Arbeit gerade dadurch, daß Arbeit so viele Gegensätze hat.

Arbeit ist also nicht eine Tätigkeit, sondern das arbeitsförmig-werden jeglicher Tätigkeit. Arbeit ist außerdem gesellschaftliche in dem Sinne, dass weniger einzelne - quantifizierbare - Tätigkeiten Arbeit ausmachen, sondern dass Arbeit entsteht in der Beziehung zwischen Menschen, in der relationalen Verknüpfung der Arbeitenden. Der traditionelle Kapitalismus hat die Tätigkeit Arbeit organisiert und verwertet. Zunehmend wird jedoch die (Selbst-)Organisation der Arbeitdenden verwertet, was dem Kapitalismus ein ganz neues Feld des Arbeit-Werdens eröffnet - und davon nährt sich der Wirbel.

Die kreative Macht der Multitude erhält durch Arbeit Ziel und Richtung. Doch es sind nicht ihr Ziel und ihre Richtung. So wird sie zur instrumentellen Macht.

Abschaffung der Arbeit

In der Rede von der "Abschaffung der Arbeit" zeigt sich das ganze Dilemma des Bedeutungswirbels. Diese Forderung lässt sich aufgrund des wirbeligen Charakters des Bedeutungsfeldes "Arbeit" immer leicht abbiegen (zB. so: "Menschen werden immer tätig sein müssen um ihr Überleben zu sichern", was eine offensichtliche Verschiebung verschiedener Arbeitsbegrifflichkeiten ist). Sinn macht diese Forderung jedoch dann, wenn man sie versteht als das Brechen der Hegemonie des Arbeitswirbels und der Verstärkung alternativer, benachbarter Wirbel. [bearbeiten] Arbeit und Wert

Arbeit ist keine Tätigkeit, sondern die Bewertung oder das Aufsaugen einer Tätigkeit. Etwas ist dann Arbeit, wenn ich oder andere es psychologisch, anthropologisch, ökonomisch, ... als solche bewerten, messen. Der Wert ist das Wert-werden, also das Maß, ist das Messen der Welt, ist die Tendenz der Aufklärung auf der Suche nach einem allumfassenden totalen System. Die Totalität des Werts wäre das totale System der Aufklärung.

Der Wert geht also der Arbeit voran. Vielleicht war es das was uns die Krisis-Leute sagen wollten?

Umgekehrt geht aber auch die Arbeit dem Wert voran, weil selbstverständlich die in-Wert-Setzung der Welt nicht funktioniert ohne die Verwandlung menschlicher Tätigkeit in instrumentelle Macht.

Arbeit und Wert sind wie Henne und Ei.

TODO: Arbeit und Anerkennung

benachbarte Wirbel

Benachbarte Bedeutungswirbel sind die Wirbel von Spiel und Liebe. In beiden Fällen ist das Verhältnis zwischen den Wirbeln eines der Konkurrenz (um gesellschaftliche Ressourcen, um Aufmerksamkeit, um Bedeutung) aber auch eines der gegenseitigen Bedingtheit.

An diesen Schnittstellen zwischen den Wirbeln kann eine emanzipatorische Politik wirksam ansetzen. Es gilt also diese Grenzzonen zu untersuchen und dort Experimente zu wagen, die die Wirbel verschieben oder auch überhaupt erst in ihrem Wirken deutlich machen. Neben der Untersuchung der benachbarten Wirbel ist es auch wichtig, die innere Anatomie des Arbeitswirbels genauer zu untersuchen. Dafür kann es hilfreich sein, verschiedene Arten von Arbeit zu unterscheiden. [bearbeiten] Arten von Arbeit

TODO: Zwangsarbeit, notwendige Arbeit, ...

immaterielle Arbeit

Die Definition von immaterieller Arbeit als Arbeit, die immaterielle Produkte herstellt wie bei Hardt/Negri, macht aus dieser Sichtweise keinen Sinn (siehe auch: Neues zur Brötchenfrage, Virtuosität und Immaterialität). Vielmehr wäre der Blick darauf zu richten, das immaterielle Arbeit den Wirbel erweitert. Auf einmal werden auch Tätigkeiten von weiter außen in den Wirbel gezogen. Der Wirbel gewinnt also an Macht.

Das ist überhaupt das Wesen des Kapitalismus: Er weitet den Wirbel immer weiter aus.

Die befreiende Wirkung, die Hardt/Negri in der immateriellen Arbeit sehen, findet sich nicht dort, sondern in den Bewegungsmomenten von Arbeit, die ebenso zu den benachbarten Bedeutungswirbeln von Spiel oder Liebe gehören. Es macht möglicherweise Sinn, diesen Aspekt des Arbeitswirbels als immaterielle Arbeit zu bezeichnen. Ohne ein Verständnis des Gesamtwirbels sieht man aber nur das halbe Bild und landet schliesslich bei dem manchmal etwas naiv wirkenden Optimismus der Operaisten.

Lohnarbeit und Prekarisierung

Lohnarbeit ist im Zentrum von Arbeit. Sie ist der Auge des Hurricans. Ein Bereich verhältnismäßiger Ruhe im Zentrum des Wirbels. Sie ist klar definiert. Jeder weiß, dass er arbeitet, so lange er lohnarbeitet. Dennoch gäbe es ohne Lohnarbeit keine Arbeit. Das Zentrum ist ebenso ruhig wie bestimmend. Lohnarbeit ist das Bedeutungszentrum des Wirbels. Jedes Denken über Arbeit bezieht sich zwangsläufig auf Lohnarbeit.

Natürlich gibt es trotzdem schon immer und immer wieder Kämpfe um die Gestaltung von Lohnarbeit, doch sind diese Kämpfe meist schon erstarrt, gesellschaftlich kontrolliert und gezähmt. Sie sind wie das laue Lüftchen, das auch im Auge des Hurricans weht.

Am stärksten weht der Wind am Rande des Auges in der eye wall. Das ist der Bereich in dem darum gekämpft wird, welche Arbeit Lohnarbeit ist und welche nicht. Das ist der Bereich der Prekarisierung. Wo Menschen hin- und hergewirbelt werden ohne jeden Halt. Wo selbst gemauerte Häuser nicht mehr sicher sind.

eine Beispielhafte Anekdote

Ich schufte gerade auf einer Baustelle hier im Haus, das zur Hälfte meinen Eltern gehört und wo ich dann selber wohnen werde, also eigentlich ein Fall von Selbstentfaltung. Dennoch ist das ganze ausgesprochen unangenehm und eigentlich in jeder Beziehung Arbeit. Eben - ich war in Gedanken noch ganz bei diesem Text - kam dann ein mittelalter Mann vorbei, der sich nur mühsam auf zwei Krücken aufrecht halten konnte, sah mich mit meinen Kieseimern, nickte anerkennend und sprach: "Das ist Arbeit!".

Ein Versuch der Interpretation dieser Anekdote im Licht der obigen Überlgungen: Das entscheidende an dieser Aussage ist nicht, ob er Recht hat oder nicht. Entscheidend ist vielmehr seine Reproduktion des Arbeitswirbels durch seine Bewertung als Arbeit. Dies geschieht einerseits durch das Anerkennen einer mühseligen Tätigkeit als 'Arbeit' und zum anderen dadurch, daß er sich selbst aufwertet in dem er andeutet, dass er nur vorübergehend verhindert sei zu arbeiten, sonst wüsste er ja wohl kaum, wovon er redet! Er bewertet also nicht nur die Tätigkeit eines anderen, sondern auch die eigene imaginierte Tätigkeit.